Im wesentlichen können nach dem derzeitigen Befundungsstand vier unterschiedliche Entwicklungsstufen am bestehenden Altarbereich und der Gnadenkapelle unterschieden werden.
- Die ersten beiden Bauphasen können mit großer Wahrscheinlichkeit in das frühe bis ausgehende Mittelalter (13. - 15. Jhdt.) datiert werden. Sie dürften somit dem in den Quellen genannten Bau der gemauerten romanischen Kirche bzw. dem gotischen Erweiterungsbau des 15. Jh. entsprechen. So kam unter dem barocken Altar eine bislang nicht bekannte gotische Mensa aus rotem Knollenmarmor zum Vorschein. Dieser Altar, sowie ein rückwärtig anstehender Altarblock, und große Flächen des Bodenniveaus aus dieser Zeit haben sich bis heute erhalten. Hinweise auf einen schon damals bestehenden, kapellenartigen Überbau (Ziborium) sind nicht gefunden worden, sehr wohl aber auf das in alten Abbildungen (z.B. Großer Mariazeller Wunderalter) dargestellte schmiedeiserne Gitter rund um den Gnadenaltar.
- Eine dritte Phase führte vorwiegend zu Veränderungen der Bodenniveaus, wobei auf den mittelalterlichen Kalkestrichboden ein Steinplattenbelag aufgebracht wurde. Die umfangreichste vierte Bauphase kann in die Mitte des 17. Jh. datiert werden und vollzieht die letzten wesentlichen Umgestaltungen in der Baugeschichte - die barocke Umgestaltung der Basilika unter Domenico Sciassia, die hauptverantwortlich ist für die gegenwärtige Gestalt der Gnadenkapelle. Die Maßnahme beinhaltete einen vollständigen Abtrag des bestehenden Gnadenaltars und seine Neuerrichtung unter der Verwendung brauchbaren Werkstücke des Altbestandes.
- Die darauf folgenden zahlreichen Stiftungen ließen in der Folgezeit die mittelalterliche Altarsituation unter vergoldeten u. versilberten Aufbauten u. Verblendungen und schließlich einer Stuckmarmorverkleidung verschwinden.
- Eine letzte, die östliche Schauseite der Gnadenkapelle wesentlich verändernde Maßnahme, war die Errichtung des erwähnten Kriegergedächtnisaltars um 1920.
Ziel der Untersuchung war es, eine aufgrund der baulichen Maßnahmen günstige Einsehbarkeit baugenetisch wesentlicher Bereiche der Gnadenkapelle zu nützen und planlich, als auch fotografisch zu erfassen. Trotz der nur partiellen archäologischen Grabungen in diesem, für die Baugeschichte der Basilika Mariazell so sensiblen Bereich, war ein beachtlicher Informationsgewinn möglich.